Buchbeschreibung aus:

Schwäbischer Heimatkalender 2002
ISBN 3-17-016869-X
113. Jahrgang
Verlag W. Kohlhammer Stuttgart

Mütter berühmter schwäbischer Dichter

Karin de la Roi-Frey


Elisabeth Dorothee Schiller

Die Spuren der "Mütter berühmter schwäbischer Dichter" führen durchs ganze Land Baden-Württemberg. In Marbach a.N., wo die Wiege ihres berühmten Sohnes Friedrich stand, erinnert nicht nur das ehemalige Wohnhaus und heutige Museum an Elisabeth Dorothee Schiller (1732-18021), sondern auch das Rezept der Wirts- und Bäckerstochter für "Ouittenhüppen", dessen Original im dortigen Deutschen Literaturarchiv aufbewahrt wird. Mutter Schiller schrieb um 1760 über die Zubereitung des Quittenbrots: Erstlich nimt man Etlich Schöne Zeigtige Qütten raibt solche mit einem Dug ab thuts in ein Häffele giest waßer da rüber lest allgemach Sieden Biß die Haut Herunder geht dan wans zu schnell Sieden so Springens gern auff und werden wässedrig." In Cleversulzbach, wo ihr Schwiegersohn die Pfarrstelle versah, liegt sie auf dem kleinen Friedhof am Ortseingang begraben - neben Charlotte Mörike (1771-1841). Deren Sohn Eduard, der Dichterpfarrer, saß während der Beerdigung seiner Mutter im oberen Stübchen des Pfarrhauses und schrieb Briefe, um seine Nerven zu schonen.

Ob sein Freund und Arzt Justinus Kerner, den er von Cleversulzbach öfters zu Fuß in Weinsberg besuchte, das verstand? Ihn beunruhigte jede Krankheit seiner Mutter Friederike Luise Kerner (1750-1817) tief. Einem Freund schrieb er: "Ich bin seit 8 Tagen hier, wo meine Mutter, eine Frau von 62 Jahren, an der Ruhr darniederliegt zu der sich ein Nervenfieber gesellte. Ich habe Tag und Nacht keine Ruhe: denn ich hänge mit unfaßlicher Liebe an diesem Weib und kann mich gar nicht ohne ihr Leben hier denken!!!!... meine Mutter muß ich durchaus erhalten, oder ich schreib nie ein Recept mehr!!!" Kerner konnte seiner Mutter noch einmal helfen, sechs Jahre später aber mußte er auf dem Friedhof von Ilsfeld endgültig von ihr Abschied nehmen.


Rosine Elisabeth Uhland

In Tübingen brachte Rosine Elisabeth Uhland (1760-1831) im Jahre 1787 ihren Sohn Ludwig in der Neckarhalde 24 zur Welt und gab ihm zusammen mit ihrem Mann in der Hafengasse 3 ein Zuhause, in das er immer wieder gerne zurückkehrte. Die Rezepte ihrer Kochkunst sind verlorengegangen, aus dem Briefwechsel mit ihrem Sohn aber ist bekannt, daß sie " pregelte Spatzen" und "Schweiners Brätle mit Kraut" für ihn zubereitete und manches "Stück von der letzten Gans" mit der Postkutsche nach Stuttgart schickte.

Aber nicht nur alte Grabsteine, Häuser in winkligen Gassen, Rezepte für Naschwerk, herrschaftliche Gemälde und fürsorgliche Briefe erinnern an "Mütter berühmter schwäbischer Dichter". Adele Gundert hat das Leben von Marie Hesse (1842-1902), Hermann Hesses Mutter, und ihrer eigenen Mutter in einer Biographie festgehalten. Das ist eine Ausnahme. Justinus Kerner widmet seiner Mutter zwar in seinen Erinnerungen "Aus dem Bilderbuch meiner Knabenzeit" einige Absätze, aber ansonsten sind die berühmtem Söhne wortkarg geblieben. Über die vielen anderen Mütter existieren nur weit verstreute, kleine biographische Bruchstücke, die es manchmal mit detektivischem Spürsinn und Beharrlichkeit aufzuspüren gilt: ein Brief aus Kinderhand, die Erinnerung (des berühmten Sohnes) an ihren Geburts- und Todestag, ein Eintrag ins Stammbuch, die letzte Stuttgarter Adresse, die Worte eines Zeitzeugen, ein Scherenschnitt, ein Bittbrief an J.H.Cotta... Er kommt aus der Hand von Wilhelmine Hedwig Hauff (1773-1845), deren Sohn Wilhelm schon mit 25 Jahren starb: "Das Delirium begann zuerst mit langen Unterbrechungen, in den letzten Tagen aber wurde es nur selten durch schnell sich wieder verwischende und nie ganz lichte Momente des Bewußtseins unterbrochen. In solchen Augenblicken schwebte ihm der Tod vor." Von seiner Mutter nahm Wilhelm Hauff Abschied mit den Worten, er verdanke es ihrem Gebet, "daß er dem Tod lächelnd entgegensehen könne" und der letzten Bitte, ihm die Augen zuzudrücken. Er starb zu früh, um schriftliche Erinnerungen an seine Mutter zu hinterlassen. Ähnlich ging es Gustav Schwab, ein Herzanfall beendete sein Leben schon mit 58 Jahren. Seine Frau schrieb später an Justinus Kerner: "Mein Schwiegersohn Klüpfel ist gegenwärtig damit beschäftigt, das Leben meines Mannes zu bearbeiten ... Ich lese nun den ganzen Tag alte Briefe durch." Aber beide konnten nicht ersetzen, was die Erinnerungen aus der Feder Schwabs geboten hätten: Die Darstellung seines Lebens aus eigener Sicht, verbunden mit den persönlichen Eindrücken von Personen und Ereignissen, mit Erlebtem und Erfahrenem. Und so blieb es Karl Klüpfel letztendlich überlassen, in "Gustav Schwab. Sein Leben und Wirken" an die Mutter dieses berühmten Schwaben zu erinnern.


Friederike Schwab

Friederike Schwab, geb. Rapp (1758-1831), wuchs als Tuchhändlerstochter in der Stuttgarter Stiftstraße auf. Ihr Elternhaus ging in die Literaturgeschichte ein. Der Mann ihrer geliebten Schwester Heinrike, Ludwig Heinrich Dannecker, über den Besuch Goethes 1797: "Für mich waren die Tage, die ich mit ihm durchbrachte, Feste und bleiben mir unvergeßlich. Meinem Schwager (Gottlob Heinrich Rapp) und seiner Frau, meinem lieben Weibchen und mir las er eines Abends seine Elegie ("Hermann und Dorothea") vor. Waren Friederike und ihr Johann Christoph, mit dem sie seit 1778 verheiratet ist, nicht in dem schönen Rappschen Garten mit der großen Zypresse an diesem Abend? Manche erzählten sich, der Schwab ginge nicht so gerne zu den Geselligkeiten seines Schwagers Rapp, weil er um einiges älter als der übrige Kreis von Freunden und Bekannten war. Außerdem war er stets mit Arbeit überhäuft und gab eine Abhandlung nach der anderen, eine Schrift nach der anderen heraus. Und es gab in diesen Herbsttagen des Jahres 1797 noch einen anderen Grund: die Trauer. Im Juli erst war der älteste Sohn der Schwabs im Alter von 17 Jahren gestorben, nachdem sie bereits 1786 ein einjähriges und 1790 ein dreijähriges Kind verloren hatten. Der kleine Gustav Schwab ist zu diesem Zeitpunkt fünf Jahre alt und voller Lebendigkeit, Energie und Neugier: "Er lernte mit Leichtigkeit und nachhaltigem Eifer, so daß er immer den obersten Platz seiner Classe behauptet."

Auch Maria Magdalena Hegel (1741-1783) hatte einen Sohn, der zu den Besten in der Schule gehörte. Seine ersten Lateinkenntnisse brachte er schon von zu Hause mit, seine Mutter hatte sie ihm vermittelt. Im Hause Hegel verkehrten damals bekannte Persönlichkeiten, so auch ein Obrist Duttenhofer, der dem kleinen Friedrich Hegel die Astronomie näherbrachte, und sein Onkel, der "Herr Präceptor Göriz" vom Stuttgarter Gymnasium, den Friedrich gerne in Gespräche verwickelte. Zwar fehlte Maria Magdalenas Sohn "alle körperliche Gewandtheit", auch war er "beym Tanzmeister ganz linkisch", aber sein Geist galt als hellwach und springlebendig. Viele Jahre hatten Mutter und Sohn nicht zusammen, Friedrich war 13 Jahre alt, als seine Mutter an der Ruhr starb. Sie hat nie erfahren, welch berühmten Sohn sie hatte, der heute in dem kleinen, feinen Museum seines Geburtshauses (das auch das seiner Mutter ist) in der Stuttgarter Eberhardstraße 53 geehrt wird.

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Rosalie Cotta

Ihre Zeitgenossin Rosalie Cotta (1738-1812) arbeitete nicht nur in der Druckerei ihres Mannes in der nicht weit entfernten Königstraße, sie schrieb auch Artikel für das hauseigene "Oekonomische Wochenblatt", führte einen großen Haushalt und brachte 15 Kinder zur Welt. Rosalie Cotta lebte noch in der Tradition des "ganzen Hauses", Arbeiten und Leben waren nicht getrennt. Für die Menschen dieser Zeit war das selbstverständlich, und so konnten Vorübergehende auch über dem Portal den Namen von Christoph Friedrich und Rosalie Cotta als die Erbauer des Hauses (im Zweiten Weltkrieg zerstört) lesen. Zu den "Müttern berühmter schwäbischer Dichter machte sie ihr Sohn Johann Friedrich, der "Napoleon des deutschen Buchhandels", das "schwäbische Universalgenie". Ein Winkelbuchhändler wollte er nicht werden, sondern ein Universalverleger, der alle Wissensgebiete abdeckte. Und schon bald sorgte "dieser junge Mann, der von 4 Uhr morgens bis 9 Uhr abends schuftete", für Aufsehen in der Buchbranche, denn 1795 gelang ihm der Durchbruch: Friedrich Schiller veröffentlichte seine "Horen" in der "Cottaischen Buchhandlung" in Tübingen. Auch Goethe, Hölderlin, Jean Paul, Hebel und Uhland zählten zu seinen Autoren.

© 2001 Verlag W. Kohlhammer Stuttgart

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